Projekt 17 wird Meilenstein im Karussellbau


 


Auf dem Zeichenblock hieß es Projekt 17, das die Fachwelt allerdings überhaupt nicht überzeugen konnte. Sie hatte kein ernsthaftes Interesse daran, es wurde eher verhöhnt und verspottet. Doch heute, etwa 15 Jahre später, ist das Projekt 17 eines der erfolgreichsten Karussells der Nachkriegsgeschichte und hat einen bekannten Namen: Breakdancer.

Es war der damalige Chefkonstrukteur der Bremer Firma Huss, Karl Böhme, der am 6. August 1980 die erste Skizze von diesem Fahrgeschäft anfertigte und ein Jahr später auch zum Patent anmeldete. Aber nachdem die Firma Huss kurz zuvor vor allem mit Hochfahrgeschäften wie Enterprise, Ufo, Ranger, Rainbow und Condor riesige Verkaufserfolge feiern konnte, beurteilten die Schausteller dieses ebenerdige Rundfahrgeschäft skeptisch.
Doch dann war da noch die Bremer Schaustellerin Erika Dreher. Ihre Petersburger Schlittenfahrt wollte sie verkaufen. "Wir wollten etwas Neues haben, ganz unabhängig vom Verkauf unserer Schlittenfahrt, die immer noch sehr gut lief", erinnert sie sich. Es war auf dem Hamburger Dom, als eine Delegation eines Vergnügungsparks aus den USA ihr Fahrgeschäft begutachtete und unabhängig davon auch Karl Böhme bei ihr vorbeischaute, um ihr seine Pläne vorzulegen.
Nicht sofort, aber unmittelbar nach diesem Besuch, rief Erika Dreher beim Huss-Chefkonstrukteur an und sagte: "Ja, wir kaufen!" Nach dem Winterdom wurde der Vertrag unterzeichnet.
In der Folgezeit war es auch Erika Dreher, die bei der anstehenden Feinplanung und dem Bau des Geschäftes viele Ideen einbrachte. Der Name Breakdancer wurde schnell gefunden, denn gerade zu dieser Zeit hatte der Breakdance, eine akrobatische Tanzform, dessen Bezugspunkt der Boden ist, den Durchbruch geschafft. Es waren meist Schwarze oder Latinos, die wie Besessene auf den Plätzen in New York mit waghalsigen Darbietungen um die Wette breakten. Diese Welle schwappte nach Europa über.
Auch die Bemalung der Rückwand mit dem überdimensional großem Lauflicht-Schriftzug, die Sitzgitter, die rund um die drehende Scheibe postiert wurden und auch Faulenzer genannt werden und viele weitere Dinge waren innovative Elemente, wie man sie vorher von einem offenen Rundfahrgeschäft nicht kannte. Für die Beleuchtung des Karussells hatte die Firma Huss rund 30 Kilowatt vorgesehen, nachdem alle Wünsche umgesetzt waren, brauchte das Fahrgeschäft dafür das Doppelte.

Premiere auf Osterwiese

Auf der Bremer Osterwiese 1985 wurde das neue Geschäft zum ersten Male aufgebaut. Erika Dreher erinnert sich, wie ein renommierter Schausteller aus Süddeutschland während des Aufbaus fragte, ob sie sich mit dem Geschäft nicht verkauft habe. Sie selbst war vor Erfolg überzeugt. "Das ist keine Krücke!" Tatsächlich: Die Premiere wurde zu einem riesigen Erfolg, selbst im Regen bildeten sich lange Schlangen vor den Kassen.
Und plötzlich standen staunend andere Schausteller vor dem Geschäft und stellten bewundernd fest: "So etwas hat es noch nicht gegeben!" Damit meinten sie nicht nur die Neuheit selbst, sondern auch die üppige Dekoration, wie es sie bis dahin bei einem Fahrgeschäft noch nicht gegeben hatte, und die ganz neue Art des Betreibens eines Karussells: Das Fahren ist eng abgestimmt mit der Musik und den zahlreichen Beleuchtungseffekten.
Der Breakdancer wurde so schnell zu einem der beliebtesten Treffpunkte der Jugend. Auch auf dem Rodenkircher Markt, auf dem das Geschäft von Erika Dreher seit 1985 nicht mehr wegzudenken ist.
Die drei sich überlagernden Bewegungen - das Drehen der große Radscheibe, das Kreisen des Goldeskreuze und vor allem das freie Hin- und Herschwingen der schräg aufgehängten Gondeln - sorgen für eine unendliche Faszination. Das Vorwärtsschleudern und das unvermittelt wieder Zurückgerissenwerdens, die ruckartigen und unvorhersehbaren Drehungen in einer engen Gondel mit noch engerer Tuchfühlung zum Sitznachbarn oder zur -nachbarin kam und kommt beim Marktpublikum hervorragend an.

Nachbauten

Bei der Bremer Herstellerfirma Huss war es damals üblich, von Karussellneuheiten immer fünf Stück zu bauen. Nach dem grandiosen Erfolg, den Erika Dreher damit hatte, gingen die anderen vier Konstruktionen schnell an den Mann. Noch 1985 wurden zehn weitere Exemplare gebaut, wovon eines im Tivoliland in Dänemark und ein anderes im Lincoln-Park in den USA aufgestellt wurde.
Erika Dreher dagegen hatte schon andere Ideen: "Wir hatten uns schon nach der ersten Saison mit dem Breakdancer überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre, eine größere Anlage mit zwei Gondelkreuzen mehr zu bauen." Denn auf manchen Märkten reichten die 16 Gondeln mit ihren 32 Sitzplätzen pro Fahrt bei weitem nicht aus. Das Schaustellerunternehmen selbst übernahm die nicht unerheblichen Entwicklungskosten, die im sechsstelligen Bereich lagen. Der Breakdancer No. 2 war im Frühjahr 1987 von der Firma Huss fertiggestellt und hatte seine Premiere beim Schützenfest in Braunschweig. Die meisten Besucher bemerkten gar nicht, dass es sich um ein vergrößertes Modell handelte, Insider stellten allerdings eine etwas weichere Fahrt durch den größeren Radius der Fahrgeschäftes fest, das sich ansonsten aber durch alle Eigenschaften auszeichne, die schon dem kleineren Modell zum Erfolg verholfen habe. Aus diesem Grunde wurde auch "der Große" ein Erfolg.
Dieses Geschäft wird von Erika Dreher heute überwiegend auf den zehn Tage oder noch länger laufenden Märkten aufgestellt, das kleinere dagegen auf den Vier- oder Fünf-Tage-Märkten, wie zum Beispiel auch in Rodenkirchen.
Seit acht Jahren ist die Tochter von Erika Dreher, Claudia, mit ihrem Ehemann Andreas Vespermann mit dem Breakdancer unterwegs und somit auch auf dem Rodenkircher Markt vertreten. "Wir kommen gerne hier her, denn für uns ist Rodenkirchen ein kleines Zuhause", sagt Andreas Vespermann. Das hat einen besonderen Grund: 1995 wurde Sohn Felix geboren, ein Jahr später kam Mike zur Welt. Beide sind also echte Kinder des Rodenkircher Marktes. Andreas Vespermann erinnert sich noch gut an eine Geburt: "Wir sind in Rodenkirchen angekommen, und dann ging es auch schon ab ins Nordenhamer Krankenhaus."