Augsburg – Zum ersten Mal steht heuer das weltweit größte transportable Riesenrad mit geschlossenen Gondeln auf dem Augsburger Plärrer. Während unten großer Trubel herrscht, thront das Riesenrad mit seinen 56 Metern majestätisch über dem Kleinen Exerzierplatz. Wer hier einsteigt, kann dem Rummel für eine kleine Weile entfliehen.

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Gleich am Eingang zum Plärrer rattert die „Wilde Maus“ ihre Achterbahnrunden. Weiter geht’s, vorbei an Schießbuden, Autoscooter, „Break Dance“, „Leopardenspur“ und Losverkäufern. „Auf geht’s, los geht’s, könnt Ihr noch eine Runde?“ Hupen tönen, ein Ansager zählt seinen Countdown herunter, aus den Lautsprechern dröhnt Dance-Musik. Nach einer Viertelstunde im Gewühl findet sich der Besucher vor dem Riesenrad wieder. Von unten sieht das Rad mit den grün-orangen Gondeln noch gigantischer aus als von der Ferne. 35 000 bunte Glühbirnen und LED-Lampen bringen es im Dunkeln zum Leuchten.

Vor seinem Eingang macht sich eine fast schon heimelige Atmosphäre breit: Ein grüner Zaun, vor dem Holzbänke stehen, Blumenkästen mit gelben Veilchen und Osterglocken, aus den Lautsprechern schallt gediegene Popmusik. In einer Schlange stehen Familien mit Kindern und Großeltern mit ihren Enkeln an und warten darauf, dass das Riesenrad hält, damit sie einsteigen können.

„Das Riesenrad ist anders als die anderen Fahrgeschäfte, die sich meist an Jugendliche richten“, erklärt Hubert Predan, Geschäftsführer der Oscar Bruch OHG, die das Riesenrad betreibt. „Wir sind ein Familienfahrgeschäft, bei uns fährt jede Altersgruppe mit.“

Der 42-Jährige ist bereits in dritter Generation im Schaustellergewerbe tätig. „Es macht einfach Spaß. Etwas Anderes könnte ich gar nicht machen“, sagt er. Auch seine Tochter hat bereits ein eigenes Fahrgeschäft und führt die Familientradition fort. Andere Leute wüssten gar nicht, wie dieses Schaustellerleben ist, glaubt Predan: „Der Zusammenhalt in der kleinen Gruppe ist extrem groß. Man hilft sich in allen Lebenslagen.“ Neben dem Riesenrad betreibt das Unternehmen noch andere Fahrgeschäfte an verschiedenen Standorten. „Eigentlich viel zu viele“, winkt Predan ab. „Wir könnten den Platz hier auch alleine voll machen.“

Noch bevor die anderen Plärrer-Schausteller mit dem Aufbau begannen, reiste der Tross an. Zwei Wochen dauert der Aufbau des 380 Tonnen schweren Riesenrads. Predan freut sich über die Plärrer-Premiere und erwartet einen Erfolg: „Wir wollen die nächsten Jahre wieder hier stehen.“ Einzige Bedingung: Das Wetter müsse mitspielen.

Auf den Bänken vor dem Riesenrad machen es sich immer wieder Menschen gemütlich und schauen zu, wie die Teenager im „Break Dance“ durch die Gegend geschleudert werden. Das Gekreische der Mädchen übertönt sogar die ohnehin schon ohrenbetäubende Pop- und R’n’B-Musik.

Wer nun denkt, dass bei einer Fahrt im Riesenrad nichts los ist, der erlebt eine Überraschung: Zwar schaukeln die Gondeln gemächlich gen Himmel, doch auch hier gibt es einen Adrenalinkick, als plötzlich wenige Meter entfernt, beinahe zum Greifen nah, die Fahrgäste im „Free-Style“ von nebenan vorbeiwirbeln.

Nicht alle trauen sich, ins Riesenrad einzusteigen. Unten warten einige Frauen; sie haben ihre Männer vorgeschickt, damit diese mit den Kindern eine Runde fahren. Angst müssten sie nicht haben, sagt Predan, denn passieren könne eigentlich nichts. Zu jeder Seite des Rads sind zwei Behälter mit je 30 Tonnen Wasser als Ausgleichsgewicht angebracht. Die Achsen würden jeden Morgen kontrolliert, und weil die 42 Gondeln komplett geschlossen sind, könne auch niemand herausfallen.

Ein Stromausfall könne immer mal vorkommen, aber für diesen Fall kämen extra Batterien zum Einsatz. Außerdem könne man das Rad im Notfall auch von Hand drehen. „Wir brauchen keine Feuerwehr, wir kriegen die Leute so raus“, sagt Predan und schmunzelt.

Die Teenager von gegenüber sieht man eher selten im Riesenrad. Das ist allen voran bei Kindern beliebt. Sie sind es meist, die ihre Eltern oder Großeltern zu einer Fahrt überreden. Für eine der Mütter, die mit ihrer Tochter gekommen ist, gehört eine Runde mit dem Giganten des Volksfests einfach zum Pflichtprogramm: „Da kann man den ganzen Plärrer überschauen.“ „Schön, gemütlich, aber vielleicht auch ein bisschen langweilig“, findet eine wagemutige Großmutter nach der Fahrt mit ihrer Enkelin.

Nervenkitzel – das ist anderswo. Wer nach dem Riesenrad wieder Action braucht, der kann ja seinen Adrenalinspiegel in der Geisterbahn ein paar Meter weiter in die Höhe treiben.

Von Silke Günther